Unser Bild vom Kind

Kindheit wird in der heutigen Gesellschaft nicht mehr als eine passive Phase der körperlichen und geistigen Entwicklung gesehen. Kinder eignen sich die Welt an, indem sie sich ein inneres Bild von der Welt konstruieren. Als Forscher und Konstrukteure erschließen sie sich ihre Umwelt aktiv und vergrößern Stück für Stück ihr Repertoire an Fähigkeiten und Fertigkeiten. Dieser Prozess ist dann so zu verstehen: Das Kind nimmt Signale wahr, strukturiert diese, weist ihnen Bedeutungen zu und reagiert darauf. Angetrieben von kindlicher Neugier tritt das Kind durch Spiel und Exploration mit der Welt in Kontakt und sammelt Erfahrungen. Das Kind lernt mit allen Sinnen, entwickelt Freude am Entdecken, nimmt Informationen aus seiner Umwelt auf und verdichtet sie zu Erfahrungsmustern und Lernprozessen. In rasanter Geschwindigkeit bilden sich Welt- und Selbstvertrauen heraus, sowie differenzierte motorische, soziale, kognitive, sinnliche und emotionale Kompetenzen. Mit zunehmendem Alter, erhöhen sich die Möglichkeiten, die Umwelt differenziert wahrzunehmen. Dabei wird das Weltbild des Kindes Tag für Tag vielschichtiger. Ein Kind muss in einer liebevollen und wertschätzenden Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Person stehen, damit die Erfüllung seiner Interessen und seiner Bedürfnisse gelingen kann. Eine sichere Bindung ist somit existenziell notwendig und gewährleistet einen erfolgreichen Kompetenzerwerb für die Zukunft.

Von Geburt an besitzt jedes Kind alle natürlichen Voraussetzungen um seine Potenziale vollkommen zu entfalten. Diese selbstständige Aneignungsfähigkeit (Autopoiesis) der Kinder ist ihre stärkste Kraft, um Wissen und Können zu erschließen und sich auf das Leben als Ganzes vorzubereiten. Jedes Kind unterscheidet sich durch seine Persönlichkeit und Individualität, durch sein Temperament, genetische Veranlagung, Stärken, Eigeninitiative und Entwicklungsgeschwindigkeit.

Da das pädagogische Handeln durch das individuelle Bild vom Kind geprägt ist, gehört es zur Pädagogik und zum eigenen pädagogischen Konzept, sich mit dem Kind(sein) auseinanderzusetzen. Ob die Entwicklung des Kindes gehemmt oder gefördert wird, hängt also entscheidend von der Einstellung, der Wahrnehmung und dem professionellen Verständnis der Betreuungsperson ab. Dabei ist es wichtig, sich mit dem „Bild vom Kind“ regelmäßig auseinanderzusetzen, was zum Beispiel im Rahmen einer Evaluation/ Teamfortbildung geschehen kann. Für den Kindergarten, als soziale Einrichtung, ist somit ein klar definiertes Bild vom Kind ein zentraler Baustein, um den Entwicklungsstand des Kindes im Rahmen von Bildung, Erziehung und Betreuung optimal wahrzunehmen und mit einer individuellen Förderung zu begleiten.